Geschichte des Ambulatoriums der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung

1922 Gründung 

1938 Liquidation 

1999 Wiedereröffnung 
 
Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) hat von 1922 bis 1938 das international sehr beachtete Wiener Psychoanalytische Ambulatorium betrieben, das mit seiner Kompetenz und seinem Engagement eine Vorreiterrolle in der psychotherapeutischen Versorgung im Wien der Zwischenkriegszeit einnahm. Bald nach dem Anschluss fiel es wie alle Einrichtungen der WPV dem Naziterror zum Opfer.
 

Gründungsgeschichte

1908: Gründung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung  

1910: Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

1920: Eröffnung des ersten psychoanalytischen Ambulatoriums: der Berliner Poliklinik. Pläne zur Errichtung eines psychoanalytischen Ambulatoriums in Wien. Vertreter der universitären Psychiatrie und die Wirtschaftliche Organisation der Ärzte sprachen sich dagegen aus und verfassten entsprechend ablehnende Stellungnahmen. Schließlich bewilligte die Standesvertretung der Ärzte die Errichtung unter der Bedingung, „dass dort die psychoanalytische Behandlung und die wissenschaftliche Verwertung dieser Methode ausschließlich von Ärzten betrieben wird und sowohl als Lehrende wie als Lernende nur Ärzte in Betracht kommen, so dass Laien mit Ausnahme der Patienten der Zutritt zu diesem Institut versagt bleibt." 

22. Mai 1922: Eröffnung des Wiener Psychoanalytischen Ambulatoriums. Leiter: Dr. Eduard Hitschmann.

November 1922: Die städtische Sanitätsbehörde fordert die sofortige Einstellung des Betriebes, was erst auf dem Rekursweg vom Bundesministerium für soziale Verwaltung wieder aufgehoben werden konnte. Ausgeschlossen blieben andauernd die Laien als Mitarbeiter. Ein Erlass der Behörde drohte mit Sperrung, sollte dem nicht Folge geleistet werden.

1925: Gründung des Lehrinstitutes der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, in dem die Ausbildung von nichtärztlichen Psychoanalytikern gewährleistet werden konnte.

Dem Ambulatorium wurde eine Erziehungsberatungsstelle räumlich angegliedert. 

1926: Kurpfuschereiverfahren gegen den Psychoanalytiker Dr.Theodor Reik.

Sigmund Freud veröffentlicht seine Monographie: „Die Frage der Laienanalyse": Er argumentiert darin, dass es ihm nicht darauf ankommt, ob ein Analytiker ein ärztliches Diplom besitzt, sondern ob er die besondere Ausbildung erworben hat, deren es zur Ausübung der Psychoanalyse bedürfe. In diesem Sinne seien es nicht selten die Ärzte, die zu Kurpfuschern in der Psychoanalyse würden, wenn sie diese Behandlung durchführen ohne sie gelernt zu haben und ohne sie zu verstehen. Er spricht hier den Ärzten ein historisches Anrecht auf den Alleinbesitz der Analyse entschieden ab.

Die räumlichen Verhältnisse waren äußerst unzulänglich. Man suchte, alle Einrichtungen (Vereinigung, Ambulatorium, Lehrinstitut und Psychoanalytischen Verlag) in einem Gebäude unterzubringen. Die Mittel dazu waren aber nicht vorhanden.

1926: Widmung eines Bauplatzes durch die Gemeinde Wien (Bestandsvertrag). 

1929:  Innerhalb des Ambulatoriums wird eine Abteilung für Grenzfälle und Psychosen eröffnet. 

1936: Die Mittel, das 1926 von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellte Grundstück zu bebauen, konnten nicht aufgebracht werden. Erst zehn Jahre später konnten geeignete Räumlichkeiten in der Berggasse 7 angemietet und adaptiert werden. Ermöglicht wurde diese durch internationale Spenden - zu Ehren des achtzigsten Geburtstags von Sigmund Freud 1936. Für kurze Zeit konnten die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, das Ambulatorium mit Erziehungsberatungsstelle und der Psychoanalytische Verlag unter adäquaten räumlichen Verhältnissen arbeiten. 

1938: Liquidation. Sofort nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurden Vereinigung, Ambulatorium und Verlag geschlossen und in der Folge aufgelöst. Die über hundert in Wien ansässigen Psychoanalytiker und Ausbildungskandidaten flüchteten vor der ihnen drohenden Verfolgung und Vernichtung ins Ausland. In seinem Abschlussbericht über die Auslöschung der Psychoanalyse im nationalsozialistischen Wien schrieb der kommissarische Leiter dieser Liquidation Dr. Sauerwald ein Jahr später: 

 

„Das Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wurde ebenfalls vom Stillhaltekommissar für Vereine, Organisationen und Verbände aufgelöst. Betreffs der liquiden Mitteln wurde von mir in gleicher Weise, wie bei der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung verfahren und diese an das Bankhaus Schellhammer & Schattera, Wien 1, zu Gunsten des Stillhaltekommissars für Vereine, Organisationen und Verbände abgeführt [...]."

 

„Durch eine Verfügung der Geheimen Staatspolizei wurde die gesamten Inländern gehörigen Schriften und Druckwerke ca. 16 Waggon restlos vernichtet. Ein Teil wurde ausgesondert und der Geheimen Staatspolizei Berlin, einvernehmlich mit dieser Stelle der Nationalbibliothek Wien übergeben [...]."

 

„Die großen und modern eingerichteten Räumlichkeiten des Internationalen Psychoanalytischen Verlages, der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und des Ambulatoriums der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wurden im Einvernehmen mit dem Stillhaltekommissar der Universität unentgeltlich übergeben. Die Wiener Universität Wien verlegt in diese Räumlichkeiten die Seminare des Orientalistischen Institutes, die in der Wasagasse vollkommen unzulänglich untergebracht waren. Die Räumlichkeiten der drei Institutionen (Verlag, Vereinigung und Ambulatorium) wurden 2 Jahre vor dem Umbruch mit einem Kostenaufwand von ca. S 180.000,- vollkommen modernst adaptiert." 

 

Eine Nachkriegsgeschichte

Nach dem Krieg und dem Ende des Naziterrors waren nur mehr zwei Lehranalytiker und wenige Kandidaten in jener Stadt zu finden, von der die Psychoanalyse ein halbes Jahrhundert zuvor ihren Ausgang genommen hatte. Wenn auch gleich wieder Pläne für die Wiedererrichtung des Ambulatoriums gemacht wurden, so war an eine Realisierung lange Zeit nicht zu denken. Es mussten die Zerstörungen verkraftet werden. Die Rekonstitutionierung der Vereinigung, ihre Anerkennung in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung sowie die Ausbildung von Analytikern nach internationalen Standards standen für die nächsten Jahrzehnte im Vordergrund. 

 

Die Kapazität der Vereinigung und die sozialpolitischen Veränderungen - hier ist insbesondere die verbesserte Einbeziehung von Psychotherapie in die Kassenleistungen zu nennen - erlaubten es erst im letzten Dezennium, die Wiedereröffnung des Ambulatoriums tatsächlich in Angriff zu nehmen. 
Ein erster Schritt war die Eröffnung der Beratungsstelle für Psychoanalyse im Jahr 1991, die die intern nötigen Strukturen für ein Ambulatorium vorbereitete. Parallel zu der Beratungstätigkeit wurden seit 1993 Verhandlungen mit den zuständigen Behörden und der Sozialversicherung geführt, um ein Ambulatorium wieder in Betrieb nehmen zu können, das jedem - ungeachtet seiner sozialen oder finanziellen Situation - zugänglich sein sollte. 
 
1998 erfolgte die amtliche Betriebsbewilligung für das Ambulatorium der WPV.
 
1999 wurde es in einem feierlichen Festakt durch den damaligen BM Dr. Caspar Einem wiedereröffnet. 
 
Seit Oktober 2000 gibt es einen Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkasse, seit Februar 2001 auch mit der BVA und den meisten Sozialversicherungsträgern Österreichs, die in der Regel die Kosten für die Erstgespräche, Beratungen und Behandlungen Ihrer Versicherten übernehmen. In den Jahren 2004 bis 2007 wurden die anfallenden Verwaltungskosten dank einer Förderung durch die Stadt Wien gedeckt.
Somit gibt es wieder eine psychoanalytische Einrichtung in Wien, der Stadt Sigmund Freuds, die allen zugänglich ist, die psychoanalytische Hilfe suchen - unter besonderer Berücksichtigung von mittellosen Patienten.